[Film des Monats] Die Wunderübung

Heute hab ich mal wieder eine längere Filmkritik für euch. Den Text selbst habe ich schon im Sommer verfasst und war der Meinung, dass es Zeit wird das Licht des World Wide Web zu erblicken. Vorstellen und rezensieren möchte ich den Film DIE WUNDERÜBUNG. Ein amusantes Kammerspiel über eine fast gescheiterte Ehe. Mittlerweile gibt es die Komödie auf DVD. Was ich so besonders finde: die Identifikation. Warum und Wie? Lest es selbst.⬇️

Werbung wg Verlinkung & Namensnennung [unbezahlt]

Die Wunderübung

von Michael Kreihsl

Kammerspiel der Ehe

„Wir hätten nie auftauchen sollen.“ (Joana); „Zumindest nichtzusammen.“ (Valentin) – resigniert das Ehepaar. Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) sind schon seit etlichen Jahren verheiratet. Was Liebe auf den ersten Blick war, ist nun Gleichgültigkeit geworden. Streit und Ignoranz stehen auf derTagesordnung. Und so glaubt man auch nicht die beiden seien ein Paar,wenn die Kamera zu Beginn des Films beide sitzend in der U-Bahn zeigt. Er schaut einem kurzen Rock hinterher. Sie schaut ihn vorwurfsvoll an. Er nimmt den Lift. Sie nimmt die Treppe. In der Menschenmenge geht das Paar unter – läuft meterweit auseinander. Wo sind die guten Zeiten hin? Wo ist die Liebe hin? Eine Scheidung kommt– mehr aus Bequemlichkeit – für beide noch nicht in Betracht. Und so wird es höchste Zeit für eine Paartherapie. Anfänglich scheint sich der Therapeut (Erwin Steinhauer) jedoch an beiden die Zähne auszubeißen: hoffnungsloser Fall oder ist da doch noch was zuretten?

 (c) Filmladen Filmverleih GmbH

Das dramaturgisch Interessanteste an dieser Komödie ist, dass die Therapiesitzung gleich der Länge des Films entspricht. Haupthandlungsort ist das Zimmer in der Praxis des Therapeuten. Der Film wirkt wie ein abgefilmtes Theaterstück. Das Bühnenbild, in diesem Falle das Szenenbild wurde minimalistisch reduziert auf einen Raum. Im Mittelpunkt das Ehepaar und der Dialog. Er, zynischer Sturkopf. Sie, zickige Furie. Striesow und Szyszkowitz liefern sich ein bissiges Wortgefecht. Und damit begeben sich die Filmemacher auf dünnes Eis. Entweder Top oder Flop – etwas dazwischen funktioniert nicht. Drei Schauspieler. Ein Raum. 90 Minuten. Langeweile soll dabei nicht entstehen. Die Komödie beginnt rasant und scheint ein ordentliches Tempo vorzugeben. Doch dann steht die Handlung sich selbst im Weg. Nach der Sitzungspause (die für Therapieverhältnisse ungewöhnlich ist) verliert der Film etwas an Fahrt. Erst gegen Ende wird es nochmal spannend, nämlich dann wenn der Twist ins Spiel kommt: „Paradoxe Intervention“ nennt der Paartherapeut diese Methode.

https://www.youtube.com/watch?v=QioBlnicjJY
Quelle: youtube.de/Kino Check

Ganz wie bei Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels ist dieses Kammerspiel hier zwar nicht, aber dennoch sehr unterhaltsam. Der Film setzt auf ein hohes Maß an Identifikationsmöglichkeiten auf allen Ebenen. Das Kostüm: Valentin trägt blau. Joana rosa – sterotypische Geschlechterfarben, somit könnte jeder Mann und jede Frau gemeint sein. Auch beim Setting gibt es eine gewissen Übertragbarkeit. Wir wissen nicht in welcher Stadt sich die Praxis befindet, noch bekommen wir einen ganzen Blick auf den Therapieraum. Zusehen sind immer nur einzelne Ausschnitte des Zimmers. Die nächste Ebene liegt in der Kameraarbeit: Im Therapieraum hält die Kamera immer nah auf die Figuren drauf. Wir entfernen uns nie von ihrer Seite. Bekommen nie einen Blick in den ganzen Raum hinein. Das Publikum wird zum stillen Beobachter. Distanzen zu den Figuren werden aufgebrochen. Nähe entsteht. Und zu guter Letzt ist dann noch die Textebene. Hier bietet sich die größte Möglichkeit der Wiedererkennung. Die Probleme des Paars sind nicht von irgendwo her gegriffen. Sie sind Alltag. Und auch wenn es Momente des Fremdschämen innerhalb der Therapiesitzung gibt, so gibt es doch auch ein Wiedererkennen in den Figuren seitens des Publikums.

(c) Filmladen Filmverleih GmbH

90 Minuten ohne Ortswechsel kann ganz schön langweilig werden. So liegt es an der schauspielerischen Leistung der Darsteller*innen den Film zu tragen. Das Trio Devid Striesow, Erwin Steinhauer und Aglaia Szyszkowitz hat sein bestes gegeben den Film kurzweilig und amüsant zu gestalten. Gebrochenheit und Kälte, Witz und Humor sind Gast im Kammerspiel der Ehe. Dabei sind die Figuren nicht nur oberflächlich angerissen, vielmehr offenbart sich die Entwicklung der Protagonisten dem Zuschauer im Laufe des Films. Auch an der Sitzhaltung des Paares ist diese ersichtlich: saßen beide am Anfang von einander abgewandt und nach außen gedreht, so sitzen sie gegen Ende zueinander zugewandt und nach innen. Der Weg zu dieser Entwicklung hin ist paradox und überraschend: untypisch für eine Therapiesitzung ist bereits erwähnte Pause – ist dieses Mittel doch eher im Theater zu finden. Sie markiert den Wendepunkt der Handlung, denn plötzlich steckt der Therapeut selbst in einer Beziehungskrise. Seine Probleme lässt den Blick des Paares auf die eigene Situation plötzlich ganz anders aussehen.

An einigen Stellen fühlt der Zuschauer sich wie im Theater – aber das liegt nicht fern, da „Die Wunderübung“ ursprünglich auch fürs Theater gemacht wurde. Michael Kreihsl hat bereits Werke von Daniel Glattauer adaptiert, u.a. „Gut Gegen Nordwind“. Bevor das Kammerspiel auf die große Kinoleinwand kam, hat Kreihsl es für die Bühne in der Josefstadt umgesetzt.

Der Film zeichnet sich durch unterhaltsame Momente, Ironie und Polemik, fokussierte bissige Dialoge sowie hervorragende Darstellungen aus. Das witzige Kammerspiel ist eine runde Sache mit vielen Ecken und Kanten, muss aber nicht jeden Geschmack treffen.

von Sophia Foertsch


DieWunderübung“, Regie:Michael Kreihsl,Darsteller/-innen: DevidStriesow, Erwin Steinhauer und Aglaia Szyszkowitz, Kinostart: 28. Juni2018

Mehr Informationen: https://www.filmladen.at/wunderuebung/


Der Beitrag wurde nicht gesponsored. Meinung und Empfehlungen entstammen meiner persönlichen Überzeugung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.