[Film des Monats] STRONGER

Ab und an picke ich mir aus der Vielfalt an Kinofilmen einen heraus und mache ihn zu meinem Film des Monats. Einige von euch kennen meinen Kinorückblick am Ende eines jeden Monats – ich stelle euch darin jeweils meine TOP 5 Monatshighlights mit Kurzkritik vor. Nun möchte ich euch einen meiner April-Filme näher vorstellen und habe meine Gedanken zu diesem sehr emotionalen Drama niedergeschrieben: STRONGER (2018)


Stronger

von David Gordon Green


Schritt für Schritt

Sie versuchen einen Helden aus mir zu machen. – Jeff Bauman

Jeff Bauman ist vom Schicksal gezeichnet. Der traditionelle Boston Marathon endet 2013 in einer Katastrophe. In der Zielgeraden gehen zwei selbstgebastelte Bomben hoch. Mitten drin: Jeff (Jake Gyllenhaal). Eigentlich wollte er nur seine On-Off-Freundin Erin (Tatiana Maslany), die am Marathon teilnimmt, anfeuern. Doch dann geht ein Sprengsatz in seiner unmittelbaren Nähe hoch. Jeff überlebt zwar, verliert aber beide Beine. Er versucht sich ins Leben zurück zu kämpfen. Doch das Vorhaben ist schwerer als gedacht. Von seiner Umwelt wird er zum Helden gemacht – unfreiwillig. Zerrissen zwischen Lebensmut, Hoffnung, Schmerz und Aufgeben versucht er sein Leben zu meistern. Schritt für Schritt. Unterstützung bekommt er von seiner Familie und Erin. Aber Jeff’s Mutter schießt gerne über die Ziellinie hinaus. Von Normalität kann da keine Rede sein. Wie findet man(n) nach so einer Tragödie ins Leben zurück? Wie schafft man(n) es, dass Verlust, Schmerz und Selbstmitleid einen nicht auffressen?

Stronger“ basiert auf (erschreckend) wahren Begebenheiten. Am 15. April 2013 wurde (der echte) Jeff Bauman Opfer eines Sprengstoffanschlags. Er wartete damals an der Ziellinie auf seine (Ex-)Freundin Erin. Erin soll nur wenige Meilen vom Ziel entfernt gewesen sein, als die Bomben hochgingen – eine davon direkt neben Jeff. Sein Retter Carlos sorgte dafür, dass Jeff schnellstmöglich ins Krankenhaus gebracht wird. Das legendäre Foto von Carlos im Cowboyhut, wie er Jeff rettete, machte schnell publik. Der Film streift das Unglück thematisch nur in den ersten Minuten, später auch noch kurz in Flashbacks . Hauptsächlich jedoch porträtiert „Stronger“ eine intimere Seite der Katastrophe: das Leben von Jeff Baumann nach dem Anschlag. Er wird mehr oder weniger gewollt zu einem Symbol der Hoffnung – zu „Boston Strong“. Im Krankenhaus erinnert er sich an einen der Täter und hilft der Polizei mit seinen Hinweisen diesen zu schnappen.

Quelle: youtube.de/studiocanal

Der aus der Bahn geworfene Jeff wird von Jake Gyllenhaal verkörpert. An seiner Seite hat er die herausragenden Tatiana Maslany. Es ist schon eine physische und auch psychische Herausforderung einen Charakter wie Jeff zu spielen. All den Schmerz und den Verlust auf die Leinwand zu transportieren, erfordert eine Menge schauspielerisches Talent und Disziplin. Und das hat Gyllenhaal. Der Gesichtsausdruck seiner Figur ändert sich während des Film nur gering. Und doch transportiert er mit seiner Mimik und Gestik so viele Emotionen. Der Zwiespalt und die innere Zerrissenheit werden nach außen transportiert. Jeff steht mehr als einmal vor der Wahl: kämpfen oder aufgeben? Sein Gesicht spricht buchstäblich Bände. Egal ob er im Selbstmitleid ertrinkt, dem „Druck“ ein Held zu sein ausgesetzt ist oder eben einfach nur versucht alleine auf die Toilette zu gehen – Gyllenhaal läuft zu Hochleistungen auf. Zwischen ihm uns seiner Leinwand-Freundin Tatiana, die Erin skizziert, entsteht eine unbeschreibliche Chemie, die den Film trägt. Als Publikum bekommt man nie das Gefühl zu wissen, wie die Geschichte zwischen beiden enden wird. Erin hilft Jeff in seinem Gefühl des Verlorenseins und versucht ihn aufzubauen – dabei sind sich beide nicht immer einig. Denn Jeff wechselt seine Stimmung täglich. Seine Überforderungen mit der neuen Situation sind vor allem in der Welcome-Home-Szene, kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, oder auch in den Badezimmer-Szenen zu spüren. Jeff setzt eine Maske auf, die seine innerliche Kapputtheit und seelische Verstörtheit versucht zu verbergen. Doch gerade in solchen Momenten, wie die im Badezimmer, wird dem Zuschauer der wahre Jeff in seiner ganzen Verletztheit gezeigt. Auch sinnliche Szenen zwischen Erin und Jeff kratzen nicht nur bloß an der Oberfläche, sondern lassen die Folgen des Anschlags spüren. Als Zuschauer stellt man sich immer wieder die berechtigte Frage: Wie geht es jetzt weiter? Man glaubt Jeff sei verloren, doch gerade das letzte Drittel des Films beweist das Gegenteil. Ausschlaggebender Punkt für neue Hoffnung: Jeff’s Moment of Change – das Gespräch mit seinem Retter Carlos .

©Studiocanal 2018

Doch es ist nicht nur das starke Drehbuch und die Glanzleistung von Jake Gyllenhaal und den anderen Darstellen, sondern auch die Inszenierung der Geschichte durch die Kamera und die Montage. „Stronger“ verzichtet auf großartige Effekte. Er spielt mit der Schärfenverlagerung. Bestes Beispiel: die Szene im Krankenhaus, in der Jeff’s Verband das erst mal gewechselt wird. Allein schon die Perspektive in dieser Szene ist ungewöhnlich, transportiert aber so viel. Die Schärfe liegt auf Jeff’s Gesicht im Vordergrund. Im Hintergrund sind die Beine in Unschärfe. Während der Szene verlagert sie sich vom Vordergrund auf den Hintergrund. Der Schmerz und der Verlust ist nicht nur deutlich zu sehen, sondern auch zu spüren. Und so können wir Jeff’s Reaktion auf die Frage „Wollen Sie hinschauen oder nicht?“ total verstehen. Generell bleibt die Kamera den ganzen Film über sehr nah an seinen Figuren. Nur ab und zu weicht sie in eine Totale, wie beim Marathon. Und selbst dann sehen wir als Publikum das schreckliche Ereignis nur aus der Perspektive einer anwesenden TV-Kamera. Lediglich Jeff wird wieder in einer Naheinstellung gezeigt und auch hier spielen die Filmemacher wieder mit Schärfe und Unschärfe. Das Biopic verfolgt zwar ein relativ gradlinige Erzählstruktur, aber dramatische Flashbacks werden als Erinnerungen Jeffs auftauchen.

Stronger“ ist ein bewegendes und spannendes Drama von Regisseur David Gordon Green. Der Film kann als Gegenstück – oder besser – als Ergänzung zu Peter Berg’s „Boston“ mit Mark Wahlberg gesehen werden. Die Thematik ist die gleiche, nur wählen die Regisseure eine jeweils andere Perspektive auf das katastrophale Ereignis. Green entscheidet sich für eine intimere Sicht auf den Anschlag und zeichnet das Portrait eines der Opfer. Zusammen mit Jake Gyllenhaal und Tatiana Maslany schafft Green ein berührendes, ruhiges, emotionales, tiefgründiges, bewegt und bewegendes, vom Schicksal gezeichnetes Biopic, dass keine großartigen Effekte benötigt. Dafür aber auf viele Emotionen und ein starkes Drehbuch setzt. Jeff Bauman war einfach zur falschen Zeit, am falschen Ort. Und doch hat er das kämpfen nicht verlernt.

Stronger“, Regie: David Gordon Green, Darsteller/-innen: Jake Gyllenhaal, Tatiana Maslany, Miranda Richardson, Clancy Brown, Richard Lane Jr., Nate Richman, Lenny Clarke, Frankie Shaw, Kinostart: 19. April 2018.

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