[Culture Mix] Der Wandelbare

Der Alexanderplatz in Berlin ist einer der belebtesten und beliebtesten Orte in der Hauptstadt. Er ist ein Platz des Wandels und der Vielfalt: Seit dem 23. November ist er ein Weihnachtsmarkt.

Die S-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Ich steige aus. Auf dem blauen Schild steht mit weißen Buchstaben „Alexanderplatz“. Ich gehe die Treppen hinunter in die Bahnhofspassage. Es ist 11.00 Uhr. In einem Gastro-Laden kaufe ich mir einen kleinen Becher heißen Tee. Es ist November. Ich verlasse das Bahnhofsgebäude, vorbei an einem mobilen Bratwurstbrater, der gerade seine Arbeit begonnen hat. Von ihnen gibt es viele in Berlin, vor allem dort, wo Touristenmengen sind – Brandenburger Tor, Friedrichstraße, Alexanderplatz. Die Bratwurst selbst schmeckt mehr oder weniger gut. In ihrem roten Outfit und dem mobilen Grill um den Bauch stehen sie den ganzen Tag da. Jeden Tag.

Während ich an einem dieser Verkäufer vorbei laufe, hält gerade eine Straßenbahn – Leute steigen ein und aus. Ein ganz normaler sonniger Dienstagmorgen am Alexanderplatz. Seinen Namen bekam der Platz 1805 zu Ehren des russischen Zaren Alexander I. Davor hieß er Königs Thor Platz. Den Ort selber gibt es aber schon seit dem 13.Jahrhundert. Zu dieser Zeit entstand unweit vom Alex das Spital Heiliger Georg. Das Georgentor in der Berliner Stadtmauer wurde nach dem Spital benannt. Auf dem Platz vor dem Georgentor etablierte sich im 17. Jahrhundert ein Viehmarkt, der dem Ort die Bezeichnung Ochsenmarkt oder Ochsenplatz gab. Bis heute hat ‚Alex‘ viel durchgemacht: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, zwei Weltkriege, die DDR, zig Neu- und Umbauphasen und seit 25 Jahren die Invasion von internationalen Touristen. Menschenmassen. Jeden Tag. Ich stoppe an der Weltzeituhr. In Neu Delhi ist es gerade 15.30 Uhr. Normalerweise ist dieser Ort Treffpunkt für Künstler, Musiker oder Tänzer. Heute ist es still dort. Wahrscheinlich ist es zu kalt. Seit gestern hat hier der Weihnachtsmarkt geöffnet. Ich drehe meine Runde. Die Verkäufer bereiten sich gerade auf den Tag vor. Es riecht nach Bratwurst, Glühwein, Schokolade und Lebkuchen. Aus Boxen dröhnt Schlager- und Weihnachtsmusik. Drei Mädchen tanzen zu „Walking in a winter wonderland“. Dort wo eigentlich der Brunnen steht, wurde eine Eislaufbahn aufgebaut.

Während ich die Leute so beobachte, erinnere ich mich an ein tragisches Ereignis: Hier am Alexanderplatz wurde 2012 Jonny K. umgebracht. Seitdem ist vielmehr Polizeipräsenz auf dem Alex zu bemerken. Selbst unter so vielen Menschen kann man nicht sicher sein. Es ist eben ein Platz der Vielfalt – Leben und Tod sind hier nah beieinander. Ich wurde durch den Geruch von Sauerkraut aus meinen Gedanken gerissen und führe meine Runde fort. Normalerweise ist der Platz leer. Aber ein paar Mal im Jahr stehen hier Verkaufsbuden darauf – zu Ostern, Weihnachten oder zum Oktoberfest. Er ist international. Umschlossen von Gebäuden wie dem ParkInn, Galeria Kaufhof oder das Berolinahaus. Eigentlich bedient der Platz alle Klischees: Hetzende Menschen mit Koffern, Kinderwagen, Musiker, Straßenmaler, Mädchen mit Primark-Tüten oder Touristengruppen, die versuchen Selfies mit dem Fernsehturm zu machen.

Seit den 1960er Jahren ist er verkehrsfrei und nur für Fußgänger zugänglich. Das war nicht immer so: Im Jahre 1882 wurde der Bahnhof für die Stadt- und Fernbahn gebaut. 1913 erweiterte man den Knotenpunkt um einen U-Bahnhof. Knapp 15 Jahre später wurde der Alex dann endgültig dem Verkehr übergeben. Er wurde zum Verkehrsknotenpunkt. Im März 1966 aber begann die Umsetzung der Neubauplanung. Ein Jahr später wurden dann alle Straßenbahn-Linien vom Platz entfernt. Der Rote Platz in Moskau soll bei der Planung und Ausgestaltung Vorbild gewesen sein. Der Alexanderplatz hat als zentraler Kundgebungsort für Großveranstaltungen gedient. Beispielsweise wurden hier die 10. Weltjugendfestspiele im Sommer 1973, der 25. Jahrestag der DDR im Oktober 1974 oder die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 abgehalten. Auch die friedliche Revolution 1989/90 hat Alex mitgemacht. Ende der 90er Jahre fuhr dann wieder die erste Straßenbahn über den Platz.

In seiner berühmten Nachbarschaft steht der Berliner Fernsehturm, das Rote Rathaus und die Marienkirche – der Fernsehturm gehört nicht zum Alexanderplatz! Mein Tee wird langsam leer und die Schlagermusik aus den Buden ist nervig. Ich beende meine Runde über den Weihnachtsmarkt und gehe zurück ins Bahnhofsgebäude. Zu dieser Tageszeit ist es für Berliner Verhältnisse noch relativ leer. In wenigen Stunden wird es jedoch voller. Mittlerweile bin ich wieder am Bahnsteig. Die S-Bahn fährt ein. Mein nächster Halt ist die Universität. Ich werde dich aber wieder besuchen. Schon morgen…


Dieses Porträt entstand während meines VHS-Kurses „Journalistisches Schreiben II“. Die Aufgabe war ein Porträt über eine Person oder einen Ort zu schreiben. Ich entschied mich für den Alexanderplatz in Berlin. Das Ergebnis konntet ihr gerade lesen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.